Das Gespräch am Küchentisch:
Bedburdyck, 3. September 1988
16-jährig und in Schwarz-Weiß schaut mich Opa Herbert an. Er trägt Anzug und Krawatte. Ohne Lächeln im Gesicht steht er da und wirkt ungewohnt ernst.
„Opa, wer sind die anderen auf dem Foto?“, frage ich mit der kindlichen Neugier einer Achtjährigen und wende mich ihm neben mir sitzend zu. Erwartungsvoll blicke ich in seine Augen – diesmal in ihrem mir so vertrauten Blau-Grau.
„Das, mein Enkelchen“, sagt er leise, „sind meine Eltern und Brüder in Schlesien. Mutter Klara, Vater Willi, Georg und Walter.“
Opa hält inne. „Nur einer fehlt. Mein Bruder Alfred. Er war zu diesem Zeitpunkt schon im Krieg und hatte zuletzt vor Monaten geschrieben. Hier, das ist sein Foto auf dem Tisch.“ Behutsam tippt er mit seinem Zeigefinger darauf. „Und Walter, du siehst, er trägt Uniform, musste nach seinem Heimaturlaub auch wieder an die Front. Wir haben ihn und Alfred nie wiedergesehen. Aber das wussten wir am Tag dieser Aufnahme noch nicht.“
Opa verstummt und scheint mit seinen Gedanken weit weg. Mit einer Umarmung hole ich ihn ins Hier und Jetzt zurück. „Wo ist eigentlich Schlesien, Opa?“
„Als ich so alt war wie du, lag Schlesien im Osten Deutschlands. Nie hätten wir gedacht, dass es mal anders sein würde, aber nach dem verlorenen 2. Weltkrieg ging Schlesien an Polen.“
„Und was wurde aus dir, deiner Familie, Freunden und Nachbarn?“
„Wir mussten unsere Heimat verlassen und fremde Menschen zogen in unsere Häuser, Dörfer und Städte. Unser Besitz fiel in ihre Hände und wir durften nur das mitnehmen, was wir tragen konnten. So wie meine Eltern unser Familienfoto hier.“
Heute: San Diego, 9. Juli 2026
Fast vier Jahrzehnte sind seit jenem Nachmittag am Küchentisch vergangen. Mein Opa Herbert wäre in diesem Jahr am 24. August 2026 100 Jahre alt geworden.
Er ist schon lange nicht mehr an meiner Seite, um mir meine Fragen zu beantworten, aber das Foto von 1943 liegt noch immer vor mir –
jetzt, hier in San Diego, tausende Kilometer von Bedburdyck entfernt. Und der Drang, die Antwort auf meine kindliche Frage – „Wo ist eigentlich Schlesien?“ – nicht nur im Atlas, sondern mit dem Herzen zu finden, hat mich nie losgelassen.
In den letzten neun Jahren bin ich diesem innerlichen Rufen gleich drei Mal gefolgt. Ich stand auf dem Grundstück von Haus 19, habe in verstaubten Kirchenbüchern die Namen meiner Vorfahren entdeckt und bin zusammen mit meinen Eltern und meinem amerikanischen Ehemann durch die Straßen gegangen, die Opa Herbert einst Heimat nannte.
Zu seinem 100. Geburtstag schließt sich für mich der Kreis. Ich kann sagen, ich habe Schlesien gefunden, Opa!
Ich habe die Puzzleteile deiner Geschichte zusammengesetzt und sie bewahrt.
Du bist nicht mehr hier, aber dein Gesicht und deine Geschichte sind unvergessen – von Schmottseiffen bis nach Kalifornien. Alles Liebe zum 100. Geburtstag, Opa.
Deine Silke
Anmerkung zum Familienfoto: aufgenommen vor der 2. Augusthälfte 1943 durch Fotograf Rehnert in Löwenberg


